Den ersten Motoromnibus mussten die Fahrgäste auch schon mal den Berg hinaufschieben!
sz ■  Die Vorstellung, dass die neuartige Erfindung des Automobils auch als öffentliches Transportmittel und für Kurzstrecken geeignet sein könnte, musste sich erst entwickeln. Man dachte in der Frühzeit der Mobilitätsoffensive „Auto“ eben noch in Postkutschen-Kategorien. Postkutschen versahen schon lange ihren regelmäßigen Verbindungsdienst. Großstädte kannten seit 1863 (London) U-Bahn-Netze. Straßenbahnen (auch noch mit „Pferdeantrieb“) und Züge bewegten die Menschen. Die Vorstellung, dass ein motorisiertes Fahrzeug Menschen von A nach B bewegen könnte, im Stile eines regelmäßigen, öffentlichen Dienstes, das war neu. Und erfunden wurde es in unserer Region: Die erste Omnibusstrecke der Welt verband Siegen und Deuz, vor 125 Jahren. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet in unserer eigentlich wenig mobilitätsaffinen Region der Omnibus erfunden wurde, berichtet Wilfried Lerchstein im folgenden Artikel.

Wer vor 125 Jahren in unserer Region von Siegen nach Deuz wollte, der musste zu Fuß gehen oder eine Pferdekutsche nutzen oder sich auf einen Kuhwagen setzen, mit dem etwas ausgeliefert wurde. Zwar war das mit Benzin betriebene Automobil schon erfunden, aber der Omnibus als, wie das lateinische Wort schon verspricht, Massenbeförderungsmittel „für alle“, steckte noch in den Kinderschuhen, bzw. war meist ein von Pferden gezogener Wagen.

Die Stadt Siegen war schon seit dem 10. Januar 1861 mit einer Stichbahn von Betzdorf aus an das Eisenbahnnetz der Köln-(Deutz)-Gießener-Eisenbahn angeschlossen. Mit der Eröffnung der letzten Teilstrecke Altena-Siegen am 6. August 1861 war dann auch wenig später die gesamte Ruhr-Sieg-Strecke von Hagen nach Siegen fertiggestellt. Um auch das Netpherland endlich an die „große weite Welt“ anzubinden, strebte man zunächst eine Eisenbahnverbindung durch das Amt Netphen an. Zusammen mit dem Eisenbahnkomitee in Straßebersbach (heute Dietzhölztal) verfasste das Netpher Eisenbahnkomitee 1884 eine Denkschrift. Das darin angestrebte Projekt einer Anbindung des Netpherlandes an eine als „normalspurige Secundärbahn“ von Haardt (heute ein Teil von Weidenau) über Straßebersbach bis Dillenburg führende Eisenbahnstrecke scheiterte aber an der Ablehnung durch den preußischen Staat, der einer seit 1884 gebauten Strecke von Kreuztal über Hilchenbach nach Cölbe bei Marburg den Vorzug gab.

Nun musste, zumindest als Zwischenlösung für eine Übergangszeit bis zum Bau der Eisenbahnstrecke, eine Alternative für die Personenbeförderung im Netpherland gefunden werden. Hierfür erschien die Entwicklung von Straßenfahrzeugen mit Verbrennungsmotor, wie sie z. B. von Carl Benz vorangetrieben wurde, besonders zukunftsweisend. Sein geschlossener Kutschenwagen, bei dem sich der Fahrersitz über der Vorderachse befand, war eine Weiterentwicklung des Benz-Patent-Motorwagens Victoria von 1894 mit einem geschlossenen sechssitzigen Aufbau, einem verglasten Oberteil mit festem Dach. Wie beim Landauer üblich, saßen sich die Passagiere in zwei Reihen gegenüber. Der siebte Fahrgast saß draußen neben dem Fahrer. Dieses Fahrzeug hatte einen liegenden Einzylinder-5-PS-Viertaktmotor im Heck mit einem Hubraum von 2650 cm³ und 20 km/h Höchstgeschwindigkeit. Der Antrieb erfolgte über Ketten an die Hinterräder. Der Omnibus hatte ein Leergewicht von 1200 kg, eine Spurweite von 1,40 Meter und einen Achsabstand von 2,02 Meter. Er war 3,4 Meter lang, 1,8 Meter , 2,5 Meter hoch und verfügte über eine Heizung. (2)

Durch die Initiative von weitsichtigen und wagemutigen Geschäftsleuten aus Netphen nahm die Entwicklung des Omnibusses anschließend im wahrsten Sinne des Wortes Fahrt auf. Wilhelm Hüttenhain jr., Lederfabrikant und wie seine Geschäftspartner Visionär, ärgerte sich über die sehr schlechte Verkehrsverbindung zwischen dem Johannland und der Stadt Siegen. Denn die Postkutsche fuhr nur morgens in die Kreisstadt und abends wieder zurück.

Deshalb entschloss man sich im November 1894, eine Benzinmotor-Omnibusverbindung zwischen Siegen, Weidenau, Dreis-Tiefenbach, Netphen und Deuz ins Leben zu rufen und gründete am 7. Dezember 1894 als Genossenschaft mbH die Netphener Omnibus-Gesellschaft. Der Gerbereibesitzer August Hüttenhain (1840 –1906) aus Niedernetphen als Vorsitzender, sein Neffe Wilhelm Hüttenhain jr. (1871 –1963) aus Obernetphen als sein Stellvertreter und der Ziegeleibesitzer Heinrich Autschbach (1862 –1948) aus Obernetphen bildeten den Vorstand der Genossenschaft. Der Gastwirt Heinrich Theodor Klein (1866 –1941) aus Deuz und der Fabrikant Albert Rudolf Weiß jr. aus Hilchenbach zeichneten ebenfalls Genossenschaftsanteile.

Schon am 19. Dezember 1894 bestellten die Pioniere für 6000 Mark bei der Firma „Benz & Cie, Rheinische Gasmotoren-Fabrik“ in Mannheim einen Patent-Motor-Wagen „Omnibus“.

Mit diesem Omnibus wurde schließlich am 18. März 1895 die weltweit erste Motoromnibuslinie zwischen der Stadt Siegen und den Ortschaften Netphen und Deuz eröffnet. Um 6 Uhr morgens in Netphen losgefahren, startete der Omnibus um 6.25 Uhr fahrplanmäßig in Deuz am Gasthaus von Heinrich Theodor Klein zu seiner ersten offiziellen Linienfahrt. Vor Gasthöfen befanden sich auch fast alle weiteren Haltepunkte bis zur Endstation in Siegen am unteren Ende der Kampenstraße bei H. Kreuz (nahe dem Kaisergarten). Karl Otto aus Nauholz lenkte den Omnibus über die holprigen Straßen. Weitere Fahrer waren der Schreinermeister Hermann Golze aus Niedernetphen und Gustav Stötzel aus Dreis-Tiefenbach.

Das Benzin wurde damals noch in der Apotheke „getankt“. Eine Stunde und 20 Minuten sollte für die Fahrgäste die 15 Kilometer lange Fahrt in dem Omnibus dauern. Talaufwärts waren dabei im Siegtal 80 Höhenmeter zu bewältigen. Viermal am Tag fuhr der Omnibus die Strecke hin und wieder zurück, bis er abends um 20.55 Uhr in Netphen sein Nachtquartier erreichte.

Ein Vergnügen war die für die gesamte Strecke 70 Pfennig teure Überlandfahrt wahrlich nicht. Auf den damals noch sehr schlechten Straßen mit tiefen, von schweren Pferdefuhrwerken herrührenden Fahrspuren, sprangen die grazilen Vollgummireifen häufig ab. Also wechselte man auf die robusteren Eisenreifen. Diese Umrüstung verbesserte zwar die Spurführung, führte aber zu einer starken Beeinträchtigung der Straßenhaftung. Bei Regen waren manche Anhöhen nur durch die kräftige Mithilfe der zum Anschieben gezwungenen Fahrgäste zu bewältigen.

Kam ein Pferdefuhrwerk oder die Postkutsche entgegen, musste eigentlich der Motor abgestellt werden, um zu verhindern, dass die Pferde scheuten. Stattdessen betätigte der Omnibusfahrer aber auch manchmal ganz bewusst seine Hupe, nachdem er der konkurrierenden Postkutsche begegnet war. Mit einem gehörigen Maß Schadenfreude wandte er dann anschließend seinen Blick zurück und beobachtete, was er mit seinem Hupkonzert angerichtet hatte. Der Postillon genoss es dann um so mehr, wenn er ein anderes Mal mit Peitschenknall den Motoromnibus an einer Steigung, oder weil er mit einer Panne liegen geblieben war, mit seiner Postkutsche überholen konnte.

Nach dem ersten Ansturm und der Inbetriebnahme eines zweiten Motoromnibusses am 1. Juli 1895 war nach zahlreichen Pannen, technischen Schwierigkeiten und Verzögerungen bei der Ersatzteilbeschaffung und den daraus resultierenden häufigen Betriebsstörungen in Gestalt von Verspätungen und Totalausfällen das zwischenzeitlich von 7000 auf 12 500 Mark erhöhte Genossenschaftskapital schon bald verbraucht. Obwohl bis Mitte Oktober 1895 immerhin 10 600 Passagiere befördert worden waren, stellte die weltweit erste Motoromnibuslinie ihren Betrieb zunächst vom 3. November 1895 an nur zwischen Netphen und Deuz und dann am 20. Dezember 1895 vollständig und endgültig wieder ein.

Das Start-Up-Unternehmen war nach nur neun Monaten gescheitert, die Genossenschaft wurde aufgelöst, und beide Fahrzeuge wurden an den Hersteller zurückgegeben. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts mehr bekannt.

Statt des „Pferde scheu machenden Stinkwagens“ beherrschte nun für die nächsten elf Jahre wieder allein der „Hafermotor“ das Verkehrswesen im Netpherland. Am 1. Dezember 1906 erhielt es dann endlich mit der Inbetriebnahme der Kleinbahnstrecke Weidenau-Deuz den ersehnten Eisenbahnanschluss, der zugleich das sofortige Ende der Postkutschenfahrten bedeutete.

An die erste Motoromnibuslinie der Welt erinnert noch heute ein 1970 fertiggestellter Nachbau des Ur-Omnibusses. Realisiert wurde dieser vor 50 Jahren von Dr.-Ing. Erich von Gumpert (1926 –2008), von 1965 bis 1991 Geschäftsführer der Deuzer Firma Walzen Irle, die 1970 das 150-jährige Bestehen des Unternehmens feierte. Denn mit dem Deuzer Walzenfabrikanten Otto Irle (1873 –1925) gehörte einer der Firmenväter mit zu den Gesellschaftern der Netphener Omnibus-Gesellschaft.

Am 30. Juni 1970 erfolgte auf dem Firmengelände in Deuz die TÜV-Prüfung für das grün-schwarz lackierte Fahrzeug mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 6 km/h. Der Motoromnibusnachbau durfte also am letzten der Verkehrsfesttage vom 3. bis 5. Juli 1970 anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Motoromnibuslinie bei strömendem Regen vor sich hin knatternd im Festzug mitfahren. Der Motoromnibus zierte damals in der Kulturhalle auch den ersten Netphener Sonderstempel der Deutschen Bundespost. Auch in den folgenden Jahrzehnten war der Deuzer Motoromnibus regelmäßig auf Tour. Wo er auch auftauchte, ob bei Hochzeiten, Festen oder Jubiläen, er war stets ein Hingucker. So führte er auch 25 Jahre nach seiner Fertigstellung während der 100-Jahr-Feier vom 17. bis 19. März 1995 eine aus fast 100 Omnibussen bestehende Fahrzeugschlange an.

Im Jahr 2009 wurde das Fahrzeug komplett überholt. Seit dem 8. November 2016 lässt sich der von der Firma Walzen Irle als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellte Omnibus am Bürgerhaus Bahnhof Deuz in einem eigens errichteten Ausstellungspavillon, der von Bernd Heinemann entworfenen „Glasgarage“, jederzeit besichtigen.

Wegen des Coronavirus‘ musste das geplante Festwochenende vom 20. bis 22. Märzzum 125. Jahrestag der ersten Motoromnibuslinienfahrt der Welt verschoben werden. Auf den Omnibus-Korso auf der historischen Strecke (mit möglichst 125 Fahrzeugen) und ähnliches muss man also noch ein wenig warten …

Vergleichbar einem „Urknall“ begann es vor 125 Jahren mit einer visionären Pioniertat im Netpherland, und von hier aus hat der Motoromnibus seitdem unaufhaltsam seinen globalen Siegeszug bis in die entlegensten Fleckchen Erde angetreten.

Wilfried Lerchstein
Quelle: Eine Weltpremiere vor 125 Jahres

Viele Grüße
Christian Reuter
(mobil gesendet)

Eine Weltpremiere vor 125 Jahren: Zwischen Deuz und Siegen wurde am 18. März 1895 eine Motoromnibuslinie eröffnet mit einem „Pferde scheu machenden Stinkwagen“