Von der „Schatzkammer“ spricht Karl-Heinz Ley, wenn er in den Raum mit der Sammlung von Siemag-Schreibmaschinen, Rechenmaschinen und Telefonen führt – womit er ein wenig Unrecht hat. Denn eigentlich ist die ganze alte Schule eine Schatzkammer.

Wann genau daraus die Heimat­stube des Heimatvereins Oberes Johannland geworden ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. 1988 jedenfalls wurde der Verein gegründet, der sofort mit dem Zusammentragen der Sammlung begann. 2005 wurde das zehnjährige Bestehen begangen — vorgezeigt wurde das, was vorher in guten Stuben, Scheunen und Waschküchen, Kirche und Schule des Dorfs Verwendung fand, aber bestimmt schon früher. Jetzt hat Karl-Heinz Ley den Hinweis auf die „Heimatstube“ von dem Findling vor der Schule abgeschraubt. „Johannlandmuseum“ wird der neue Name der Schatzkammer sein, die ihre Größe verdoppelt hat.

Viele Stunden Arbeit seit 2014

Paul Heimel drückt die Schulbank. „Da habe ich auch mal drin gesessen, mit Tintenfass“ — in den 1950er Jahren, als das Möbel noch nicht oben im Museum stand, sondern unten in einem der beiden Klassenräume. Die nachgebaute Schulstube ist eine der Attraktionen im Museum, das nun auch in die ehemalige Lehrerwohnung einziehen und seine Ausstellungsfläche auf über 200 Quadratmeter verdoppeln konnte. Heimel gehört zum „harten Kern“ der 15 bis 20 Aktiven, die den Umbau seit 2014 in ungezählten Stunden Eigenleistung mitgestemmt hat.

Ein anderer ist Bernd Hartwig, der sich auch um die Blechspielzeugsammlung gekümmert hat: Autobahnen, Seilbahnen und Eisenbahnen, Karussells und Kräne, Trommeläffchen und Wackelenten — alle 279 zum Aufziehen, alle funktionsfähig: „Die Schlüssel füllen einen ganzen Anhänger.“ In der neuen Vitrine ist die Sammlung ein Blickfang. „Vorher konnten wir die gar nicht alle ausstellen“, sagt Karl-Heinz Ley. Die Kinder, berichtet er, könnten sich beim Museumsbesuch nur schwer von dem Spielezug lösen. Wobei doch nebenan schon eine plüschige Teddybärensammlung wartet, Dauerleihgabe einer Irmgarteichenerin.

Die Vitrinen hat das Museumsamt des Landschaftsverbandes spendiert, die Beleuchtung die NRW-Stiftung. Alles andere hat der inzwischen rund 200 Mitglieder starke Verein selbst gestemmt, in Eigenarbeit oder auch mit dem Geld, das er sich aus dem Ertrag der vierteljährlichen Bauernmärkte zurücklegen konnte. 3714 Positionen umfasst das fortlaufend nummierte Inventar des Museums — und ein Ende ist nicht abzusehen. Gerade erst hat jemand Kuhjoche und eine Zentrifuge abgegeben. „Die liegen auf den Speichern“, weiß Karl-Heinz Ley. Im Keller ist das kleine Depot mit den Exponaten, die noch aufgearbeitet werden sollen.

Miezekatze und Spezialkommissar

Ein Rundgang durchs Haus führt zum Stammtisch des Gasthofs Jokebes unterm Dach, zum frisch lackierten Modell der Haincher Wasserburg und den dort in den 1960er Jahren im Burggraben gefundenen Scherben. Und natürlich zu „unserer Miezekatze“: So nennt Ley das versteinerte, im 16. oder 17. Jahrhundert, als die Hexenverfolgung tobte, im Backes eingemauerte Tier — frisch zurückgekehrt von der „Aberglauben“-Ausstellung des Archäologischen Museums in Herne. Noch leer ist der für eine Sonderausstellung reservierte Raum, den Thomas Kettner, in Irmgarteichen wohnender Vorsitzender des Siegerländer Bergbauvereins, mit Exponaten zur Bergbaugeschichte ausstatten wird. Radios und Tonbandgeräte, Madonnen und anderes Inventar aus Kirche und Kapellen, Banner des Kriegervereins und vieles mehr füllen das Haus.

Wer zwischendurch ausruht, darf blättern: Zu dem kleinen Archiv gehören neben der Fotosammlung, die Lehrer Konrad Siedhoff angelegt hat, und Dokumente wie zum Beispiel die Abrechnungen der Armenfonds, der Viehweideanlage, „Separationskasse“ und der „Meliorationskasse“, in denen schon der Briefkopf „Der königliche Spezialkommissar“ beeindruckt. Manche Entdeckung ist Ergebnis des Auf- und Umräumens und Umbauens. „Wir hatten gar nicht vermutet, dass wir solche Schätze haben“, sagt Karl-Heinz Ley.
„Was Hänschen nicht lernt…“

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Das steht über dem Portal der alten Schule, die 1932 eröffnet wurde. Zwischen den beiden Klassenräumen – einen belegt heute die Volkshochschule, der andere gehört dem DRK — ist der Spülstein mit dem Vers, der „Mit Gott, mein Kind, dann geht’s dir gut“ beginnt und mit „Dann trägst du auch mit frohem Mut des Lebens Ernst und Sorgen.“ Karl-Heinz Ley, dessen Elternhaus der Gasthof ist, der in seiner Geschichte zugleich Zollstation, Gefängnis, Standesamt und Poststelle warm kennt den Spruch auswendig. Das hundertfache Abschreiben war eine beliebte Strafarbeit, die der Lehrer säumigen und unaufmerksamen aufgebrummt hat.

Oben, in der nachgebauten Schulstube, liegen Schätze wie das Lesebuch mit dem schönen Titel „Die gute Saat“ und ein Zeugnis. An der Wand hängt auch noch ein Rohrstock, der aber lange ausgedient hat. Paul Heimel jedenfalls erinnert sich an die Züchtigungspraxis der 1950er Jahre in Irmgarteichen:„Unser Lehrer hatte nur noch den Geigenstock.“

Offiziell wiedereröffnet wird das Johannlandmuseum am Samstag, 9. April.

Von 1932 bis 1966 diente das Gebäude in der Glockenstraße als Volksschule. Nach der Schulreform besuchten die Kinder der 1. bis 4. Klassen die neue Johannlandschule in Hainchen.

Steffen Schwab

Quelle: WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
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Heimatstube wird Johannlandmuseum