Seltene Käferlarven knabbern im Misthaufen von Familie Köhler/Demnächst »Flugschau«

Von der Spitze des Pferdemisthaufens hat man eine prima Aussicht. Zum Greifen nah sind Hainchen und Werthenbach. Doch während man mit den Füßen in einem Gemisch aus Pferdemist und Sägespänen steht, krabbelt die wahre Sensation eine Etage tiefer im dunklen Dung, direkt unter den Fußsohlen. Weiße Engerlinge, bis zu zwölf Zentimeter lang und daumendick fühlen sich im warmen Sägemehl pudelwohl. Beim Umschichten des Haufens kamen die Riesenbabys ans Tageslicht. »Das gibts doch gar nicht«, dachte Carina Köhler und ließ beinahe die Mistgabel fallen.
Noch während die Mutter zweier Kinder ratlos im Pferdedung stand, fragte sie einen Hobbyangler, der eben des Weges kam, um Rat. »Afrikanische Schmetterlingsraupen«, war dessen erster Tipp. In kurzer Zeit entwickelte die Nachbarschaft verschiedene Theorien. Zur Ansicht hatten die Köhlers ein Mistgabel-Opfer fachmännisch in feinsten Weingeist gelegt. »Viele Theorien kamen auf«, erzählt Carina Köhler. »Vielleicht zersägen die alles«, befürchtete ein Nachbar angesichts der Dimension der Larven nervös. Bei anderen überwog dagegen die Freude über eine neue, wenn auch noch unbekannte Tierart. »Alle waren aus dem Häuschen.« Carina Köhler wollte es jetzt genau wissen, clickte sich gemeinsam mit Ehemann Jörg, sowie Emely (sechs Jahre) und Pierre (drei Jahre) durchs Internet. Suchbegriff Engerling.

Schnell wurden die Insektenforscher fündig. Kein Zweifel: Im Mist von Davinia und Zeus – so die Namen der beiden Ponys auf Köhlers Weide – knabbert der Nachwuchs von Nashornkäfern, nahen Verwandten des Maikäfers. Während ihrer Entwicklung, die zwei bis fünf Jahre dauert, fressen die Larven vermoderndes Holz. Eigentlich bevorzugen sie dabei abgestorbene alte Bäume, doch die sind deutschlandweit selten geworden. Entsprechend selten bekommt man die Käfer zu Gesicht. In Irmgarteichen knabbert also eine wahre Insektenrarität. Sogar Prof. Klaudia Witte von der Uni Siegen, Fachbereich Chemie/Biologie, hat ihren Besuch angekündigt.

Entwarnung für Hausbesitzer: Ins Dachgebälk verirrt sich diese Käferart niemals. Erwachsene Nashornkäfer lecken den Saft verletzter Eichen. Zumindest vermutet das die Wissenschaft, denn die Ernährungsweise dieser Tiere ist noch relativ unbekannt. Mehr weiß man über die Vorlieben der Käferbabys: Verrottende Holzspäne finden die Larven zum Vernaschen lecker.

Vor einigen Jahren muss also eine schwangere Käferdame ihre Kreise über Irmgarteichen gezogen haben. Ziemlich verlockend dürfte da Köhlers Sägemehl-Mistmix geduftet haben. Es folgte eine punktgenaue Käfer-Landung gleich neben den Pony-Hufen. Nach der Eiablage begann das große Fressen. Mit enormem Appetit knabbern die Insektenbabys seitdem Holzspäne. Und irgendwann, der Größe der Engerlinge nach zu urteilen schon im nächsten Sommer, startet die große »Flugschau« am Pfarrfeld. Zwei bis vier Zentimeter große Nashornkäfer – die Käfermänner tragen auf dem Kopf stattliche, nach hinten gebogene Hörner – schlüpfen dann aus den Puppengehäusen, krabbeln ans Tageslicht und entfalten ihre Flügel. Schon jetzt freuen sich die tierlieben Köhlers auf diesen Tag. Carina Köhler: »Dann feiern wir eine Nashornkäfer-Party.«

Autor: dima , Siegener Zeitung
Quelle: http://www.siegener-zeitung.de/lokales/artikel/20071103174630

»Wir feiern eine Nashornkäfer-Party«