7. Juni 2007 | Alles | Christian Reuter

Steil geht es den Abhang hinunter. Nadellose, ausgetrocknete Äste ragen immer wieder in den Weg hinein, Unterholz liegt wild verstreut auf dem Waldboden. Unter den schweren Tannen auf der Haincher Höhe ist es angenehm kühl. Noch ein Stück bergab, eine letzte Rutschpartie, dann ist das Ziel erreicht.
»Da ist sie«, erklärt Thomas Kettner und zeigt auf die massive Tür aus Stahl. Einen kleinen Spalt steht sie offen, hinaus plätschert ein dünnes Rinnsal. »Hier kommen nur noch Fledermäuse und Amphibien rein«, meint Kettner und versucht einen Blick in die Dunkelheit hinter der Stahltür zu erhaschen. »Das Bergamt Recklinghausen hat den Stollen aus Sicherheitsgründen mit einer Betonwand verschlossen.«

Der 38-Jährige muss es wissen, schließlich hat er die Geschichte der Hainchener Grube Johanni auf vielen Seiten dokumentiert. Und dazu war eine ganze Menge Detektivarbeit nötig. »Ein halbes Jahr hat allein die Archivrecherche gedauert«, berichtet Thomas Kettner. »Es ist ein winzig kleines Bergwerk, und da dauert es unheimlich lange, bis man Unterlagen darüber findet.« Kettner forschte beim Wasserverband Siegen-Wittgenstein nach, in Münster im Staatsarchiv, in Dortmund im Archiv der Bezirksregierung Arnsberg oder auch in Müsen, in den Dokumenten des Vereins Altenberg und Stahlberg.

Wie sich herausstellte, gehörte das Schwefelkies-, Eisen- und Bleierz-Bergwerk dem Dahlbrucher Gewerken Ernst Wurmbach. Entdeckt wurde das Erzvorkommen allerdings von dem Hainchener Thomas Schneider. Kettner fand eine entsprechende Notiz aus dem Jahre 1864. Eigentlich war er einer anderen, größeren Grube auf der Spur, dabei sei er jedoch vom »Hühnchen aufs Stöckchen« gekommen – und schließlich bei der Grube Johanni gelandet. Sie diene als Beispiel für die Bergwerke, sagt Thomas Kettner, die mit großen Hoffnungen begonnen wurden, aber leider nie zu einem Erfolg geführt hätten.

Etwa 26 Meter ragt der Stollen in den Berg hinein. Dort, wo heute das Gewölbe heruntergebrochen ist, war früher ein Erzgang. Nur ein einziger Bergmann verrichtete hier von 1864 bis 1866 seinen Dienst. Später, in Zeiten der Wasserknappheit und wachsender Bevökerungszahlen nach dem Zweiten Weltkrieg, erinnerte man sich an die Grube Johanni und überlegte, ob sie zur gemeindlichen Wasserversorgung dienen könne. Doch die Idee wurde wieder verworfen.

Es ist schon die zweite Dokumentation, die Thomas Kettner zum Bergbau in der hiesigen Region erstellt hat (die SZ berichtete). Schon seit über 20 Jahren beschäftigt sich der gebürtige Irmgarteichener mit dem Thema, seit zehn Jahren speziell mit den bekannten Gruben in der Großgemeinde Netphen. »Eigentlich habe ich gedacht, dass ich mit den Bergwerken hier schnell durch bin«, lacht er. »Doch es sind bis jetzt immerhin 82 Grubenfelder bekannt!« Bis zu 15 Stunden flössen in der Woche in sein Hobby, pro Tag mindestens eine, verrät der Maschinenbautechniker. Der Bergbau, ein Thema, das Thomas Kettner wohl im Blut liegt. Denn schon seine Vorfahren verdienten ihr Geld als Bergleute. »Doch sie haben relativ früh erkannt, dass man damit nicht reich werden konnte.«

Dennoch, das Thema wird den 38-Jährigen auch in nächster Zeit nicht so schnell loslassen. Denn die Grube Johanni soll nicht die letzte gewesen sein, deren Geschichte Thomas Kettner nachgegangen ist. »Was genau als nächstes kommt, habe ich mir noch nicht überlegt«, meint er und holt tief Luft. »Vielleicht mal ein etwas größeres Bergwerk.« Schließlich sei es wünschenswert, dass sich mehr Menschen mit dem Bergbau auseinandersetzten. »So lernt man die Arbeit der Vorfahren schätzen, die unter den widrigsten Umständen versucht haben, den heimischen Bergen etwas Gewinn abzutrotzen.« Er wirft einen letzten Blick zurück auf die Stahltür, dann geht es den steilen Berg wieder hinauf, durch allerlei wild verstreutes Unterholz.

 Quelle: Siegener Zeitung, Ausgabe vom 31. Mai 2007, Autor: kano 

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